Aus: "Der Frühlingswind kam über Nacht"


(Bochumer) Schwärmerei

 

Kehr ich heim von einer Reise, spüre ich, wie du mich grüßt,
filigran erscheint dein Äuß’res, himmelhoch strebt das Gerüst.
Sauber grün strahlst du von Weitem, kamst von Dortmund zu uns her.
Im Gebäude führt der Fahlstuhl nieder in die Grubenwelt,
Kohleabbau ist Geschichte, wird dort beispielhaft erzählt.

 

Kehr ich heim von einer Reise, spüre ich Zufriedenheit,
lebe gerne hier in Bochum, stell ich fest voll Dankbarkeit.
Glückauf!


Endreinigung

 

Das alte Jahr zu Ende geht,
vor uns die Restmülltonne steht.
Hinein kommt das, was nicht gefällt
und was uns nächtelang gequält.

 

Die fehlende Zeit,
der heftige Streit,
die Jagd nach dem Geld,
die Liebe, die fehlt,
die Angst vor Krankheit,
schwindender Schlankheit.

 

Der Deckel fällt, das klingt sehr gut,
in uns erwacht ein neuer Mut.
Korken knallt, es ist jetzt da,
begrüßen wir das Neue Jahr.

 

Danach

 

Weihnachtsfeiern, süße Stunden,
heute kämpf ich mit den Pfunden.

 

In mir kracht und pocht es wild,
sehe ich mein Spiegelbild.
Aus, vorbei mit Gänsebraten,
Hühnerfleisch wird mir geraten.
Obst, Gemüse soll ich essen,
alles Leckere vergessen.
Nicht bestaunen das Schneetreiben,
schippen, in Bewegung bleiben.

 

Weihnachtsfeiern, süße Stunden,
schade, dass ihr seid verschwunden. 

.

(S)turmgedicht

 

Du, Turm, hast es mir angetan,
ich fühl mich ganz in deinem Bann.
Hoch thronst du über dem Ruhrtal,
bist unten breit und oben schmal.
Aus rauen Felsen grob verfügt,
kein Wind und Wetter dich verbiegt.

 

Die Stufen lief ich einst hinauf,
das Schwitzen nahm ich gern in Kauf,
denn oben wartete der Freund,
von dem ich immer schon geträumt.
Ein Herz mit Klaus zeigt an der Wand,
was uns an jenem Tag verband.
Der Traum verschwand, doch später
traf ich mein Glück, den Peter.
Wir beide wollten dort oben
uns wahre Treue geloben.
Ein Herz mit Peter an der Wand,
zeugt von dem Schwur, der uns verband.
So manches Herz kam noch hinzu,
du nahmst es auf mit großer Ruh.
Doch Leere kehrte in mich ein,
ich bin wie du, ich blieb allein.

 

Ein neuer Tag bringt neues Glück,
Klaus meldete sich heut zurück.
Die Stimme klang ihr so vertraut,
der Wunsch zum Treffen wurde laut.
Zum Turm, zu dir wir wollen gehn,
in großer Höh uns wiedersehn.

 

Ich steh vor dir, ich seh dich an,
mein Herz pocht wild, er war der Mann,
mit dem ich leben wollt zu zweit.
Du zeugst davon aus jener Zeit.
Ich eil hinauf, spür Tritt für Tritt,
die Spannung wächst mit jedem Schritt.
Tret oben dann ins Sonnenlicht,
der Platz ist leer, Klaus find ich nicht.
Da, ein Geräusch im Treppenhaus,
ein Mann tritt vor, es ist nicht Klaus.
Er lächelt, er bleibt vor mir stehn,
den Alten hab ich nie gesehn.
Weiß ist sein Haar, braun sein Gesicht,
nein, diesen Menschen kenn ich nicht.
Er spricht mich an: „Wie geht es dir?“
Augen und Mund flüstern es mir.

 

Du, Turm, weißt, Jahre machen alt,
jung bleibt das Herz – wie dort gemalt.

 


Eine Leseprobe aus: "Frisch aus der Feder"
Kurzgeschichten querbeet, gewürzt mit Humor


Mein Freund Pit


„Schau mal, so einen Hund möcht ich auch haben, der sieht total niedlich aus.“
Das höre ich oft. Wenn die nächste Frage kommt: „Wie heißt er denn, darf ich den mal streicheln?“, dann wird mein Herrchen Pit ganz groß vor Stolz und ich natürlich auch.
„Das ist Petzi, klar kannst du ihn streicheln. Das findet er prima.“
Pit ist ein richtiger Lausbub. Wir sind sehr gute Freunde und ein starkes Team.

Eines Nachmittags kamen drei Kumpels von Pit vorbei, um uns beide zum Fußballspielen abzuholen. Pit nahm mich an die Leine, unser Ziel war der Friedhof, wo es am Eingang eine Wiese gab. Dort wartete ich leider vergeblich darauf, dass ich endlich frei über den Rasen sausen durfte. Stattdessen leinte Pit mich an einem Baum an. Ich bellte, lief hin und her, aber es half nichts. Pit legte seine Jacke vor mir auf den Boden und sah mich fest an:
„Petzi, Platz! Und pass gut auf die Jacke auf!“ Er verschwand in ein nahes gelegenes Gebüsch und holte etwas Kugeliges heraus. Roch das gut! Warum nur durfte ich nicht mitspielen?
Die Jungs bauten mit Jacken ein Tor und los ging es. Als die Kugel einmal an mir vorbei kullerte, wollte ich sie festhalten. Sofort rief Pit: „Petzi, aus, mach Platz!“
Nach kurzer Zeit schoss ein Junge das runde Ding wieder ins Gebüsch, griff nach seiner Jacke und schrie: „Die Polizei kommt, schnell weg hier!“ Alle rannten fort, auch mein Herrchen.
Ich sprang auf und zerrte vergeblich an der Leine. Tat das weh. Nach kurzem Aufheulen bellte ich die beiden schwarz gekleideten Männer an, so laut ich konnte, und fletschte dabei die Zähne.
„Ist doch gut, Hundchen. Aus! Da hat dich dein Herrchen wohl vergessen.“
„Platz!“, sagte der andere und sah mich mit einem Blick an, der mich zutiefst erschreckte. Ich gehorchte. Aber nur für kurze Zeit, dann legte ich wieder los.
„Lass ihn doch bellen, umso schneller kommt der Junge zurück, um diesen Mistköter zu holen.“
Ich roch Pit bereits von Weitem, jaulte auf und wackelte mit dem Schwanz.
„Siehst du“, frohlockte der erste Polizist, „da ist er ja.“
Dann wandte er sich an Pit, er schien dabei noch ein Stück größer zu werden. Seine Stimme klang rau und barsch: „Wenn du deinen Hund haben willst, musst du schon näherkommen.“ Ein Grinsen ging über sein Gesicht.
„Ansonsten bringen wir ihn gleich ins Tierheim.“
Da stand Pit und zitterte ein wenig. Es sah aus, als ob er gleich losheulen würde
„Wir haben nichts gemacht. Wir haben doch nur Fußball gespielt“, brach es aus ihm heraus.
„Fußball? Hier auf dem Friedhof?“, schrie er Pit an. Sein Gesicht glühte auf wie eine rote Lampe.
„Und wo ist der Ball bitte?“
Der zweite Polizist mischte sich ein: „Wie heißt du überhaupt, und wo wohnst du?“ Der Ton machte mich wahnsinnig. Ich bellte los.
„Petzi, aus, mach Platz“, herrschte mich Pit an. Ich legte mich hin. Pit wandte sich wieder an die Polizisten und stotterte:
„Pit, Pit Blume. Ich … Ich wohne in der Nähe.“ Er schluchzte auf. „Dies ist die einzige Wiese, wo wir spielen können. Hier gibt‘s doch sonst nur Trümmer überall.“
„Auf dem Friedhof darf man trotzdem nicht Fußball spielen, das ist dir doch klar, nicht wahr? Und nun die wichtigste Frage: Wo ist der Ball?“
„Ich weiß es nicht, sicher haben ihn die anderen.“
„Wie dem auch sei, nimm jetzt deinen Hund und deine Jacke, wir gehen zu deinen Eltern. Dort kannst du erzählen, was ihr hier gemacht habt.“ Dann drohte er mit dem Zeigefinger: „Versuch nicht wegzulaufen, wir sind eh schneller als du!“

Pit hob seine Jacke auf, band die Leine vom Baum los und gab den Befehl: „Petzi, komm mit!“
Ich stand auf.
Sie nahmen Pit in die Mitte, ich schlich angeleint hinter ihnen her, mit gesenktem Kopf und hängendem Schwanz
Zu Hause öffnete Pits Vater die Tür. Sofort sträubte sich mein Fell. Ich bellte, was das Zeug hielt, denn ich spürte, dass es gleich großen Ärger geben würde.
„Moment, die Herren! Pit, sperr sofort den Köter weg!“
Pit führte mich zum Badezimmer, stupste mich hinein und zog die Tür hinter sich zu.
Gedämpft hörte ich Stimmen, dann, wie sein Vater Pit anschrie: „Na, warte, das gibt gleich was!“ Die Haustür fiel ins Schloss, die Männer waren anscheinend fort.
Jetzt hielt mich nichts mehr. Ich musste hier raus, mein Herrchen würde gleich sicher eine Abreibung mit der „Wimmelquieke“, einem kurzen Gummischlauch, kriegen.
Da kam mir die Idee: Ich sprang hoch und erreichte tatsächlich mit den Pfoten die Klinke. Mit einem Ruck sprang die Tür auf. Ich bellte wie verrückt und stürzte auf Pits Vater zu, der ihm gerade den ersten Schlag versetzte. Nach meinem Lärm konnte Pit aus dem Raum fliehen, ich biss Vater von hinten in die Hose, erwischte dabei die Wade.
„Nur zu“, dachte ich, „gib‘s ihm!“
Vater schrie auf, drehte sich nach mir um. Ein Schlag traf meinen Rücken. Jaulend rannte ich hinter Pit her und hörte gerade noch, wie Vater der Mutter zurief: „Lenchen, hilf mir! Der verdammte Köter hat mich gebissen.“

Pit kniete in Mutters Nähzimmer hinter dem Wäschekorb. Er strich vorsichtig mit seinen Händen über seinen Rücken und seinen Po. Sofort warf ich mich vor seine Knie, während er zu mir herunterglitt, eine Hand stützte seinen Kopf ab, die andere strich kraulend über mein Fell.
„Gut gemacht, Petzi, bist mein braver Hund.“ Dabei nahm er meinen Kopf hoch und sah mir in die Augen. Nach einer Pause schluchzte er auf.
„Alles ist doof, nirgends können wir Fußball spielen. Es gibt keinen Platz, auch keine Bälle, und nun dürfen wir nicht mal mehr die Wiese auf dem Friedhof benutzen.“ Er schniefte laut. „Schon gar nicht mit einem Totenkopf.“ Tränen liefen über seine Wangen. „Es könnte ja der Kopf von Opa Louis sein.“
„Ein Totenkopf“, dachte ich. „Deshalb roch das so lecker.“
Langsam schleckte ich mit der Zunge über sein Gesicht. 



Am Ende noch ein persönliches Gedicht, zu finden in dem neuen Buch:
"Der Frühlingswind kam über Nacht"

 

Abschiedslied

Du, meine kleine Dichterklause,
warst 14 Jahre mein Zuhause.

Bei dir ich fand viel Harmonie,
die führte mich zur Poesie.
Gereimt hab ich munter drauflos,
doch mehr noch aus der Feder floss:
Geschichten, mit Humor gespickt,
auch Krimis, mörderisch, verzwickt
Kurzum; In deinen Räumen war,
mein Leben einfach wunderbar.

Doch dann kam die Wende,
das bittere Ende.

Ein ätzender Schimmelgestank
war plötzlich da, machte mich krank.
Hab mich gemeldet, hab gezofft,
auf rasche Abhilfe gehofft.
Heut weiß ich, warum nichts geschah,
dein Abrisstermin kommt sehr nah.
Danach entsteht hier Schritt für Schritt,
ein Neubau, der bringt mehr Profit.

Du bleibst verseucht, welch Trauerspiel,
mir bot der Liebste an Asyl.
Ich zog zu ihm nach Wattenscheid.
Dein Schicksal aber tut mir leid,
denn du, du meine Dichterklause,
warst vierzehn Jahre mein Zuhause. 
 
Entwarnung

Eins, zwei, drei, der Umzug ist vorbei.
Vorbei ist auch die Schlepperei,
das Einrichten mit Allerlei,
vorbei, vorbei, vorbei!!!


Stattdessen diese Dichterklause,
ab heute ist sie mein Zuhause.
Dem Liebsten sei, vier, fünf, sechs, sieben,
gereimt ein Dankeschön geschrieben.
(Bochum, im Herbst 2021)